Der König weinte.... 


Von Gisela Schwarz / KStA

Gummersbach - Ein Nervenkrieg war das Königsvogelschießen gestern Nachmittag an der Hermannsburg. Und als nach dem 51. Schuss mit Großkaliber von Rainer Raymund endlich der letzte Rest vom Königsvogel auf den Rasen segelte, flossen bei dem neuen König erst einmal hemmungslos die Tränen. 

"Endlich hat es geklappt, Wir wollten immer König werden", freute sich Ehefrau Conni. Strahlend zogen beide mit ihrem Oberhofmeister Christian Canisius zur Krönung unter dem Bäumen. Als Schützenvereins-Vorsitzender Joachim Lölsdorf dem neuen König Rainer I. von der Kompanie West den Königsstern umlegte und Königin Conni das Krönchen aufsetzte, gab es wieder Tränen. Lölsdorf forderte Taschentücher ein. 

Verständlich, wenn man den Wettkampf um den Königstitel verfolgt hatte. Von 76 "Übungsschüssen" mit Kleinkaliber hinterließen die 18 Bewerber auf der Scheibe mitten im Znetrum des Holzvogels gut 25 Treffer. Als dann das Gewehr mit der schweren Königsmunition aufgebaut wurde, blieben noch acht Bewerber übrig, von denen am Ende Rainer Raymund, Heinz Küper, Dirk Erlinghagen, Gunter Timmerbeil und Ludger Henke einen fairen, spannenden Schießwettbewerb bestritten. 

Mit sicheren Treffern ließ Elektro-Ingenieur Raymund den Vogel erzittern, schoss mit dem 24. Schuss den rechten Flügel und den Kopf ab, dann mit dem 35. Schuss das rechte Bein mit dem Zepter. Die Nerven des 46-Jährigen wurden immer "blanker". Schließlich hatte er schon viele Male auf den Königsvogel angelegt, im vergangenen Jahr hatte er den Siegestreffer knapp verpasst. 

"Das war ein zähes Ringen", resümierte Vorsitzender Lölsdorf nach dem Wettbewerb bei der feierlichen Krönung. Das scheidende Königspaar Horst V. und Monika wurde mit "Good bye my love"-Gesängen des Hofes entlassen, Horst V. in den Club der Könige aufgenommen. Für das neue Schützenkönigspaar Rainer I. und Conni bedeutet die Regentschaft auch die Krönung eines intensiven Schützenlebens: er arbeitet seit Jahren im Vorstand als stellvertretender Wagenfahrts-Kommissionär und Vize-Fahnenträger sowie als Kompaniebeauftragter. 

Wehmut war gestern Morgen aus der Rede von Frank Hegemann, Oberhofmeister des "alten" Königspaars, heraus zu hören gewesen, als er beim Königsfrühstück im Bühnenhaus - es gab Kasseler mit Sauerkraut und Püree - die Abschiedslaudatio auf "seinen" König Horst V. aus dem Hause Naumann hielt. Seit er Seiner Majestät zugesagt habe, dies Amt zu übernehmen, habe er es "bis jetzt keinen einzigen Augenblick lang bereut". Denn der Hof sei nach Feiertauglichkeit seiner Mitglieder zusammen gestellt worden. 

Seinem "Chef" Horst Naumann attestierte Oberhofmeister Hegemann: "Er war stets bemüht." Allerdings mit der Arbeitsteilung - der König solle möglichst nur repräsentieren "und die Königin und die Hofamen bei Laune halten" - habe es nicht immer so geklappt. Mit dieser Form der "parlamentarischen Demokratie, in der sein Hofstaat die Geselligkeit dirigiert", habe Naumann seine Probleme gehabt. Dagegen hätten Auftritte im königlichen Triathlon - tanzen, trinken, höfeln - bestens funktioniert. 

Beim Handball-Turnier gegen die Grünröcke aus Müllenbach habe das Gummersbacher Team die Gäste mit 13 zu 15 gewinnen lassen, frotzelte Hegemann und überreichte Bürgermeister Paul-Gerhard Schmitz einen Scheck über 2400 Mark für Opfer des Hochwassers von Anfang Mai. 

Vorjahresmajestät Martin Potthoff überreichte Horst V. eine Fotomontage mit Szenen jenes legendären Handball-Derbys der Könige, bei dem die Müllenbacher ihre Kampfeskraft ja "durch einen derben Söldnerhaufen verstärkt" hätten. Dass deren Top-Mann und Marienheides Bürgermeister Uwe Töpfer zur Kompanie Mühlenseßmar des Gummersbacher Vereins gehöre, habe sich bisher nirgendwo in einer nennenswerten "Ablösesumme" niedergeschlagen. 

Von Horst V. wusste er zu berichten, dass ihn während seiner Regentschaft ein Hörsturz erwischt habe. Gewiss nichts, um darüber zu lachen, betonte der Anwalt. Der eigene Hof habe aber selbst in dieser ernsten Lage sofort einen Spitznamen für die malade Majestät gehabt: Horst-hört-nix V. 

Bei aller Festfreude: Ein Zwischenfall hatte den Frohsinn bei der Korsofahrt getrübt. Eine 64-jährige Frau fiel in Derschlag von einem Lastwagen, dessen Ladefläche mit Tischen und Bänken bestückt war, und verletzte sich schwer.